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Eine geheimnisvolle Leiter

Aus Konrad Kyesers Bellifortis-Handschrift (1459).
Aus Konrad Kyesers Bellifortis-Handschrift (1459).

 

 

Als ich an einem trüben Herbsttag mit der elektrischen Taschenlampe die äußersten Winkel des alten Klosters absuchte, in dem das berühmte Germanische Nationalmuseum in Nürnberg untergebracht ist, entdeckte ich in einem Kreuzgang unter der Decke eine zusammengerollte Strickleiter, die mir verdächtig schien. Mir geht es wie dem Kriminalschutzmann: alles was mir auf meinem Gebiet begegnet, ist mir verdächtig. Ich muß die kleinsten Einzelheiten mißtrauisch betrachten.

An jener verstaubten Leiter fielen mir blaue Quasten auf, die am Ende der Sprossen angebracht waren. Eine Leiter ist schließlich kein Sofakissen, an dem man als Zierrat Quasten anbringen mag. Ich holte die Leiter herunter und fand, daß die Quasten nur an einer Seite der Leiter angebracht waren, und daß sie dort scheinbar Löcher zu verbergen hatten, die in die Sprossen gebohrt waren.

Nach einiger Betrachtung fand ich, daß in diese Löcher starke Stifte paßten, die an der anderen Seite der Leiter an jeder Sprosse saßen.

Betrachten wir zunächst das nebenstehende Bild, das uns die Konstruktion schneller klar macht. Wir sehen eine Strickleiter mit starren Sprossen. Links trägt jede Sprosse eine Bohrung; rechts je einen Stift. Die Stricke zwischen zwei Sprossen sind so lang, daß man den Stift der zweiten Sprosse in die Bohrung der ersten stecken kann. Steckt man dann die dritte Sprosse auf den Stift der zweiten, und fährt so fort, so erhält man eine lange Stange. Auf diese Stange steckt man zuletzt den großen Haken (in der Zeichnung sind die zu diesem Haken führenden Seile zu kurz gezeichnet). Man kann also den auf der Stange sitzenden Haken auf eine Mauer auflegen. Zieht man alsdann an der untersten Sprosse, so werden die Stifte aus den Bohrungen herausrutschen und es kommt eine Leiter zustande.

Es ist dies also eine Strickleiter, die auch zum Aufsteigen benutzt werden kann, während die gewöhnliche Strickleiter nur zum Absteigen verwendbar ist.

Jüngst fand ich eine solche Steckstrickleiter schon in einer im Wiener Hofmuseum befindlichen Handschrift vom Jahre 1435 abgebildet. Ums Jahr 1620 findet sich diese Leiter mit einer Vorrichtung dargestellt, durch die man den Haken wieder von der Mauer entfernen kann, wenn man an einem dritten Strick zieht. Man brauchte also die Leiter dem Feinde nicht zu überlassen, wenn der Aufstieg mißlungen war.

 

Quelle: F. M. Feldhaus, Modernste Kriegswaffen – alte Erfindungen. Leipzig, 1915.