
Es ist gewiss ein erfreuliches Zeichen und ein Beweis der regsten Aufmerksamkeit und Teilnahme von Seiten unseres verehrten Leserkreises, dass selbst nebensächliche Bemerkungen unserer Autoren vielfältig Anlass zu Anfragen geben. So sind über eine kurze kritische Bemerkung in der Besprechung von «Lenz, Die Waffensammlung des Grafen Scheremetew» in der vorigen Nummer unserer Zeitschrift S. 125, welche die Reinigung von Panzerhemden zum Gegenstand hat, drei Schreiben an uns gelangt, in welchen wir um eine eingehende Darlegung unserer Ansichten über den Gegenstand ersucht werden. Diese mehrseitig an uns gestellte Aufforderung verpflichtet den Autor obiger Besprechung zu einem raschen Entgegenkommen: Die betreffende Stelle in unserm Artikel lautet: «Nur mit seinen Vorschlägen zur Reinigung verrosteter Drahthemden können wir uns als alter praktischer Konservator nicht einverstanden erklären . . .»
E. v. Lenz äußert sich in seinem, wie wir hervorheben müssen, vortrefflichen Werke S. 7 folgendermaßen: «Die in der Sammlung befindlichen Maschenpanzer befanden sich, von einigen Exemplaren abgesehen, in einem recht verwahrlosten Zustand, als der Verfasser es vor vier Jahren übernahm, die Reinigung der ganzen über 1300 Nummern zählenden Waffensammlung zu überwachen, ihre Aufstellung anzuordnen und den Katalog zu schreiben. Ohne den Leser hier mit Einzelheiten aufhalten zu wollen, erlauben wir uns in der Hoffnung, vielleicht manchem Waffenliebhaber einen nützlichen Wink zu geben und ihm vielleicht unnütze Arbeit zu ersparen, in kurzen Worten wiederzugeben, wie bei der Reinigung der schwierigsten aller Objekte — der Maschenpanzer — verfahren wurde. Alle Versuche nämlich, den Rost aus den Ringen auf chemischem Wege zu entfernen, misslangen; die verschiedensten Prozesse wurden in Anwendung gebracht, aber bald lösten sich die Rostbildungen unvollkommen, bald wurde das Eisen von den Säuren angegriffen und zu alledem gesellte sich noch das leidige Nachrosten der frisch gereinigten Stücke.
Endlich brachte ein Freund des Verfassers, derzeit Leiter einer größeren Fabrik, folgendes Verfahren in Vorschlag, dessen Erfolg wirklich alle unsere Erwartungen übertraf: auf dem großen Schwungrad der Fabrik wurde ein festgezimmerter Holzkasten mit solidem Verschluss angebracht, mit gut durchgeglühtem Sand gefüllt und dahinein das zu reinigende Panzerhemd gelegt; in den meisten Fällen genügte ein Zeitraum von 15 Minuten, um das Ringgeflecht absolut rostfrei zu machen. Im Prinzip ist ja das Verfahren nicht neu, wurden doch bereits im Mittelalter die Maschenpanzer in sandgefüllten Tonnen gereinigt, auch lässt sich gerade dieser Modus nicht überall in Anwendung bringen, mutatis mutandis aber können wir eine Reinigung durch trockenen Sand nur bestens empfehlen.»
Wir haben zu diesem empfohlenen Rezept vorerst die Bemerkung zu machen: «In der Konservation von kunsthistorischen Gegenständen ist es ein Fundamentalsatz, dass eine Reinigung nur soweit sich erstrecken darf, als die Sorge für die Erhaltung des Gegenstandes dieses erfordert.» Ein Schritt weiter und die Gefahr tritt heran, den Gegenstand zu schädigen. In dem vorliegenden Fall ist es die Aufgabe des Konservators, den an den einzelnen Ringen — allerdings in Jahrhunderten der Verwahrlosung — angesammelten alten und frischen (lichtroten), somit noch wuchernden Rost zu entfernen, ohne auch nur im Geringsten das gefährdete, aber noch gesunde Material selbst anzugreifen. Es ist nun allerdings nicht zu leugnen, dass dieser Aufgabe bei Panzerhemden, welche als ein Geflecht viele Stellen besitzt, welchen nur sehr schwer direkt beizukommen ist, nur äußerst mühsam entsprochen werden kann.
Damit ist aber die Aufgabe noch lange nicht aus der Welt geschafft. Die Methode, welche hier empfohlen wird, ist das sogenannte Scheuern. Durch dasselbe wird zweifelsohne der aus dem Material aufquellende Rost in erstaunlich kurzer Zeit weggenommen, aber niemand ist im Stande, den Zeitpunkt wahrzunehmen, wann mit dem Vorgang einzuhalten ist, damit nicht etwa die gesunden Teile angegriffen werden. Kein Panzerhemd ist an allen seinen Stellen gleich verrostet. Ist an der schlechtesten Stelle der Rost entfernt, dann ist sicher an der besten Stelle das Eisen der Ringe angegriffen und stumpf geworden.
Ein derlei Mittel ist mechanisch zu angreifend und gewaltsam, und kann daher, wenn überhaupt, nur in den äußersten Fällen und bei der allervorsichtigsten Anwendung versucht, nie aber allgemein empfohlen werden. Sand ist überhaupt ein gefährliches Medium, in seiner Bewegung greift er die Stoffe mit einer staunenswerten Schärfe an; im Gebläse durchbohrt er die härtesten Mineralien, und bei der Bewegung an einem Schwungrad kommt er der Wirkung in einem schwachen Gebläse bedenklich nahe.
Derartige radikale Methoden gehen über das Erlaubte in der fachgemäßen Konservation hinaus und es ist allen Ernstes von solchen abzuraten. Es gibt kein anderes rationelles Mittel zur Reinigung von verrosteten Panzerhemden als jenes, welches wir überhaupt an Eisen in unserer «Waffenkunde» empfohlen haben: das Waschen des Gegenstandes mit Steinöl mittelst entsprechend scharfen Bürsten.
Es ist nicht richtig, zu sagen, dass selbes nicht hilft, denn insolange das Steinöl noch Rostfarbe mit sich führt, ist der Reinigungseffekt nicht zu leugnen. Es ist also nur der Mangel an Geduld, der uns die Methode als unanwendbar schildert. Die Notwendigkeit, mit der Reinigung und Aufstellung seiner Objekte rasch zu Ende zu gelangen, mag den Autor zu einem so drastisch wirkenden Mittel geführt haben, aber wir können es nie und nimmer als ein rationelles erklären und müssen vor dessen Anwendung warnen.
Was in Jahrhunderten sich an Rost angesammelt hat, kann doch in wenigen Minuten nicht entfernt werden — oder das Mittel ist zu scharf. Man wasche unverdrossen mit Petroleum und fahre in freilich beispielloser Geduld damit fort, solange dasselbe noch rot abfärbt. Bleibt es endlich verhältnismäßig klar, dann werden die Ringe noch immer Gruben erkennen lassen, welche im Grunde schwarz sich darstellen. Das ist aber nicht mehr Rost, sondern der durch selben erzeugte Schaden, der kann ohne Gefahr für das gesunde Material nicht mehr entfernt werden. Es ist nicht die Aufgabe, das Hemd wieder glänzend zu bilden, wie es aus den Händen des Panzerschmiedes hervorgegangen ist. W. B.
Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. I. Band. Heft 7. Dresden, 1897-1899.
Nachtrag:
Mittel gegen den Rost.
Jenem bösen Gast, Rost genannt, welcher auf der Oberfläche eiserner Gegenstände so tief seine feinen Runenzeichen einzugraben pflegt, auf eine wirksame, jedoch den Eisenkörper des Gerätes selbst nicht angreifende Weise beizukommen, war seit jeher das Bestreben aller Besitzer von Waffensammlungen. Das internationale Patentbüro von Carl Fr. Reichelt in Berlin NW 6 empfiehlt nun zwei diesbezügliche Verfahrensarten, welche wir hier veröffentlichen wollen; vielleicht regen dieselben den einen oder den anderen Freund alter Waffen dazu an, die Güte dieser Rezepte praktisch zu erproben.
Vermischt man eine Tragantlösung mit einer schwach mit Schwefelsäure versetzten Weinsäurelösung und gießt zu diesem Gemenge wässerige Lösungen von Eisenvitriol, Kalialaun und Rosalsäure, so soll dieser Flüssigkeit auch der älteste Rostbelag weichen, welcher mit derselben benetzt wird.
Ein zweites Verfahren bekämpft den Rost im elektrischen Bad. Nach demselben verschwindet jeder Rost, wenn man an dem zu säubernden Gegenstand ein Stück Zink elektrisch leitend befestigt und das Ganze dann in ein mit Schwefelsäure schwach angesäuertes Wasserbad bringt, in welchem der Gegenstand so lange bleibt, bis der Rostüberzug gewichen ist. Die Gegenstände erscheinen nach dem Herausnehmen aus dem Wasserbad dunkelgrau oder schwarz gefärbt und müssen gut abgespült und dann geölt werden. Zu beachten ist, dass das Zink in gutem elektrischen Kontakt mit dem Gegenstand ist. Man wickelt deshalb zum Beispiel einen Eisendraht fest um den Gegenstand und schließt den Draht an den Zinkstab an. Das Verfahren, welches das Eisen gar nicht angreift, wenn nur der elektrische Kontakt ein guter ist, eignet sich besonders für solche Sachen, welche scharfe Kanten und Ecken besitzen, die nicht leiden sollen und bei welchen das Putzen mittelst Polierscheiben untunlich erscheint.