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Buttin Ch. A propos d’un casque a trois cretes Annecy, Imprimerie Abey, 16 Seiten. 1898.
In der Einleitung zu dieser kleinen lehrreichen Studie betont der Verfasser, dass im Beginn des 16. Jahrhunderts die Plattner die höchste Stufe ihrer Kunst erreicht hatten, dass damals die Meister dieses Gewerbes spielend Schwierigkeiten lösten, welchen die Waffenschmiede unserer Zeit ratlos gegenüber stehen würden, obwohl sich die technischen Hilfsmittel bedeutend vervollkommneten, weil das Streben der modernen Konstrukteure dahin geht, nicht so sehr künstlerisch formvollendete Schutzwaffen, als vielmehr Präzisionswaffen zu ersinnen, deren zerstörende Wirkung wohl die kühnsten Träume eines Mitgliedes der ehrsamen Plattnergilde weit überflügelt. Besondere Sorgfalt hatten die Waffenschmiede stets darauf verwendet, das vornehmste Stück der Rüstung, den Helm, tadellos herzustellen. Es war ein langer und mühsamer Weg, den der Eisenhandwerker zurückzulegen hatte, um von dem uralten Eberhelm zu jenen Prachtstücken vorgeschrittenster Treibarbeit zu gelangen, welche jetzt den Stolz jeder Sammlung ausmachen. Hatten sich ursprünglich Arbeiter und Besteller des Helmes damit zufriedengegeben, wenn des Helmes Bestandteile fest miteinander vernietet oder verschweißt waren, so ging nunmehr der Ehrgeiz der Plattner dahin, die Helmglocke und den Helmkamm aus einer einzigen Eisenschale mittelst Handarbeit herauszuarbeiten. Den mailändischen Treibkünstlern genügte jedoch der eine Kamm allein nicht mehr: Sie bosselten aus dem spröden Material mit geschickter Hand drei, ja sogar mehr Kämme heraus, eine Leistung , welche umso höhere Bewunderung verdient, als man vor etwa vier Jahrhunderten Maschinenkraft in unserem Sinn noch nicht kannte.
Nach einem kurzen Hinweis auf die Wandlungen, welche das Wort crete bezüglich seiner Bedeutung durchzumachen gehabt hatte, tritt Buttin der Ansicht des Majors Angelucci entgegen, welcher die mehrkämmigen Sturmhauben für ein vorschriftsmäßiges Ausrüstungsstück der reitenden Arquebusiere am Mediceer Hof erklärt. Buttin begründet seinen Zweifel an der Richtigkeit der Annahme Angeluccis damit, dass er bei keinem älteren italienischen oder französischen Schriftsteller diese Gattung von Sturmhauben als eine allgemein übliche Kopfbedeckung für Trabanten bezeichnet fand. Das seltene Vorkommen dieser durch ihre Technik hervorragenden Rüststücke in öffentlichen und privaten Sammlungen, die Schwierigkeit ihrer Herstellung lässt vielmehr vermuten, dass dieselben nicht etwas Regelmäßiges, sondern nur Ausnahmen waren, welche der Laune eines freigebigen, vornehmen Herrn und dem Ehrgeiz eines Treibarbeiters, welcher in seinem Fach ein Meisterstück machen wollte, ihr Dasein verdanken.
So werden nach Buttin die beiden dreikämmigen polierten und ziselierten Sturmhauben aus Stahl, welche in Turin aufbewahrt werden, die man den mediceischen Arquebusieren zuschreibt, wohl Kavalieren dieses kunstsinnigen Hofes gedient haben. Buttin geht nun die einzelnen größeren Sammlungen nach diesen eigenartigen Sturmhauben durch; wir ersehen daraus, wie überaus selten sich dieselben vorfinden. Bezüglich der Bemerkung Buttins, dass Boeheim in seiner „Waffenkunde“ zwar eine Sturmhaube mit drei gezähnten Kämmen aus dem Zeitalter des Kaisers Karl V. anführt, jedoch zu sagen vergisst, welcher Sammlung das abgebildete Exemplar angehöre, möchte der Referent auf einen Satz in der Vorrede zu der «Waffenkunde» verweisen, welcher Buttin gewiss entgangen ist und dessen Frage erschöpfend beantwortet. Dort heißt es; «Die Vorlagen für die erläuternden Figuren sind womöglich nach Originalen gezeichnet und dort entlehnt, wo sie dem Verfasser zunächst zur Hand waren. Aus der Waffensammlung des kaiserl. Hauses zu Wien sind selbstverständlich vorzugsweise Stücke abgebildet. Zur Orientierung sei bemerkt, dass jene Abbildungen, auf welchen keine Bemerkungen über den Bewahrungsort des Urbildes oder die Entnahme aus anderen Werken sich finden, Gegenstände der Waffensammlung zu Wien darstellen.»
Aus der Fassung der Erläuterung zu Fig. 38 in Verbindung mit der angeführten Bemerkung geht also hervor, dass die abgebildete Sturmhaube eines jener Exemplare ist, welches mit fünf Brüdern in der kaiserlichen Waffensammlung in Wien aufbewahrt wird. An dieser Stelle möge die Bemerkung Platz finden, dass dem Referenten in den übrigen öffentlichen Waffensammlungen Wiens nur im historischen Museum der Stadt Wien eine zu einem halben Harnisch gehörige dreikämmige Sturmhaube (Inventar Nr. 275) untergekommen ist, welche eine auffallende Ähnlichkeit mit jener in der «Waffenkunde» abgebildeten besitzt. Am Schluss seiner interessanten Ausführungen beschreibt Buttin eine in seinem Besitz befindliche dreikämmige Sturmhaube, welche, aus einem Stück Stahl getrieben, mit Ausnahme des reichen und überaus schönen Dekors mit den beiden Sturmhauben der Turiner Sammlung viele Berührungspunkte aufweist. Vier trefflich ausgeführte Abbildungen geben eine Vorstellung von diesem prächtigen Kabinettstück.
Wenn auch die Betrachtungen darüber, wer wohl der Künstler gewesen sein mochte, dessen geschickte Hände diese Sturmhaube formten, für wen dieselbe bestimmt gewesen sein mochte, bei dem Fehlen jeder Schmiedemarke, jedes Anhaltspunktes leider zu keinem Ergebnisse gelangen konnten, so danken die Freunde der historischen Waffenkunde doch dieser kleinen eine große Belesenheit verratenden Studie Buttins wieder mannigfache Anregung, und hat dieser gewissenhafte Archäologe wieder einmal Licht über ein ziemlich dunkles Gebiet der Waffen-Wissenschaft verbreitet.1
1 Die Arbeit ist oberitalienisch, sie weißt in ihrem Typus auf die der Mailändischen verwandte Mantuaner Schule des Giovanni B. Ghisi (genannt Mantuano). Die 3 Kämme leiten sich von spätrömischen Vorbildern aus der Zeit des Augustus ab, allerdings nach der Auffassung der Antike in der Renaissanceperiode. Es wäre eine hübsche Aufgabe für einen Kunsthistoriker, der Wiederaufnahme dieser antiken Formen näher nachzugehen. Anmerkung der Redaktion.
Dr. Potier. Führer durch das Landeszeughaus in Graz.
Im Auftrag des Steiermärkischen Landes-Ausschusses verfasst von Karl Lacher. Graz 1898.
Wer den hohen Wert und die Bedeutung des Landeszeughauses in Graz für die historische Waffen-Wissenschaft kennt, wird das kleine, gut gearbeitete und dabei mit 30 Hellern ungemein billige Werkchen gewiss mit Freude begrüßen; es entspricht allen Anforderungen eines Reisenden und kommt endlich den oft und laut geäußerten Wünschen des Publikums voll entgegen. Der Verfasser ist der Direktor der kulturhistorischen Sammlungen des Landesmuseums «Joanneum», Professor Karl Lacher selbst, den wir unter die angesehensten Kunstschriftsteller zählen dürfen. Ist auch Professor Lacher nicht eigentlich Fachmann im historischen Waffengebiet, so erweist sich doch in Anordnung des Textes und in den präzise gehaltenen Erklärungen, wie sehr der Autor bestrebt ist, den Anforderungen in einem musealen Zweig gerecht zu werden, der bisher als eine Art Aschenbrödel angesehen wurde und nur romantischen Empfindungen gedient hat. Sehr zu statten ist dem Autor dabei ein ausgezeichnetes Quellenwerk gekommen; es ist der 2. Teil des Werkes «Das Landes-Zeughaus in Graz» von dem unvergesslichen Grafen Franz von Meran (Leipzig, Brockhaus 1880). Er hat dasselbe ersichtlich gut studiert und auch trefflich benützt.
Mit einer Bemerkung des Autors könnten wir uns nur unter Vorbehalt einverstanden erklären. Derselbe sagt, dass «mit Rücksicht auf die Eigenart des Landes-Zeughauses eine Darstellung der Entwicklung des Waffenwesens nicht angestrebt werden konnte».
Diese Ansicht ist im Hinblick auf ein Werk, das ja nur einem flüchtigen Besucher dienen soll, an sich richtig und unanfechtbar. Betrachten wir aber das Zeughaus selbst mit seinen rund 30.000 Waffenobjekten, die in nahezu ununterbrochener Reihung die Wandlung in den Formen und die Entwicklung des Waffenwesens vom 16. bis ins 18. Jahrhundert vor Augen stellen, so müssen wir geradezu sagen, dass für das Studium der Waffenkunde keine Sammlung geeigneter ist, als das Landes-Zeughaus in Graz.
Das Landes-Zeughaus ist kein Waffenmuseum im gewöhnlichen Sinn; es ist ein glücklich erhalten gebliebenes Waffendepot, das praktischen Zwecken gedient hat und eine ehrwürdige Geschichte, namentlich in der Periode der Türkenkriege von Erzherzog Karl von Steiermark an, besitzt. Später dem praktischen Leben entrückt, wurde es nahezu völlig vergessen. Erst durch den Grafen von Meran wurde die ausgezeichnete Kollektion der Aufmerksamkeit wieder nahegerückt und nach dem alten System geordnet.
Heute bildet das Landeszeughaus, mit dem sich in seiner Eigenart nur etwa die kleinere Rüstkammer in Emden vergleichen lässt, eine Perle unter den kulturhistorischen Kollektionen der grünen Steiermark. Wir empfehlen das praktische Büchlein unseren Mitgliedern auf das Beste. Es ist durch die dortige Direktion selbst zu beziehen. W. B.
Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. I. Band. Heft 8. Dresden, 1897-1899.